Feen und Zwerge
 

 
Helga Margareta Gellinger
 


Die Tür der Baumhöhle quietscht und ächzt, als Zwerg Ritziputz aus seiner Behausung herauskriecht. Er gähnt, streckt und reckt sich der Sonne entgegen, dreht ein paar Runden um den alten knorrigen Holunderbusch, stimmt sein Lied an und trällert: „Ach wie schön ist dieser neue Tag, die Sonne strahlt und lacht vom Himmel!“, dabei reibt er sich zufrieden die Hände.
Seine Füße sind nun vom Tau benetzt und er blickt um sich und sieht, dass die Vorhänge der Elfen noch geschlossen sind. Er bläst, pustet ein paar Mal kräftig, aber die zarten, feinen Nebelschleier lösen sich nicht auf, die Gardinen bleiben geschlossen. Dann staunt er über die silbrigglitzernden, feinen Haare, die wie Perlentropfen in den Büschen und Sträuchern hängen. „Ist es schon wieder an der Zeit, die hauchdünnen Feenhaare zu ernten?“, denkt er und legt dabei seine Stirn in Falten.
Er pfeift und trillert mit den Vögeln um die Wette. Wenn die Sonne hoch genug am Horizont steht, wird er die trockenen Haare einsammeln.
 

 

 

  

 

  

 

Zwerg Ritziputz stolpert über seine eigenen Füße und trollt zur Nachbarhöhle,poltert laut an die Fensterläden und schreit: „Nieswurz, schläfst du noch? Es ist Zeit, dass du aufstehst!“ „Lass mich doch in Ruhe, du alter Poltergeist!“, ruft Nieswurz verärgert und streckt dabei seine Knollennase aus einer Luke um zu schnüffeln, welches Wetter heute der Himmel schickt. Zufrieden meint er dann: „Es wird ein sonniger Tag werden, was schlägst du vor, was wir tun können?“
Ritziputz zupft an seinen langen Bart und verkündet: „Jetzt zerstäuben wir erst mal die Nebelschleier der Feen, dass sie allmählich aus ihren Betten kriechen, sonst verschlafen sie den ganzen Tag!“ „Gut, gut, ich komme gleich!“, er macht einpaar Mal „hatschi“ und ist auch schon zur Stelle. „Ja was sehe ich da, meine Augen sind geblendet, überall hängen und fliegen Silberfäden herum. Haben wir denn so viele alte Feen, die alle ihre Haare beim Kämmen verlieren?
 


 

Dann werden wir heute viele Knäuel mit wunderbaren Silberfäden herbeizaubern können!“ Beide Zwerge pusten kräftig um sich, die Schleier fallen und die Sonne strömt in alle Ritzen und Winkel, jeder Baum und Stein flackert nun im goldgelben Licht des Herbstmorgens.
Wie von Geisterhand geführt, huschen nun die Feen aus ihren Schlafgemächern. Sie versammeln sich, um Beeren und Pilze zum Frühstück zu sammeln. Lilith, die älteste, bestimmt was geschehen soll, sie gibt den Ton an. Dann trällern alle und stimmen im Chor mit ein. Und so singen sie fröhlich einander zu, was eine jede zu verrichten hat.
Die kleinste Fee, Amelie, will nicht gehorchen und motzt: „Ich will die Stiefelchen nicht putzen, die werden sowieso wieder dreckig und Zwerg Ritziputz ist ein alter Trampel, der merkt es überhaupt nicht, wenn seine Stiefel nicht glänzen!“
 


 

Lilith scheint heute mit dem verkehrten Fuß aufgestanden zu sein und reagiert verärgert. Sie wechselt von ihrer Singstimme zum aufgebrachten Ton über: „Du machst, was ich dir befehle, aus Basta!“ „Also gut, ich bin ja schon dabei!“, ruft die kleine Fee und reißt ein Büschel glänzender Butterblätter ab.
Leonie kocht einen Tee aus Birkenrinde, während die schöne Fee Annabella die Nuss-Schalen mit leckerem Honig füllt. Alle Feen klatschen in die Hände und laden zum Frühstück ein. Verschlafen kommt Julia angewankt und reibt sich den Sand aus ihren Augen und wünscht: “Einen guten Morgen!“ Elfe Miriam kommt angerauscht, ihr Schilfröckchen raschelt und sie verplappert sich, indem sie sagt: „Libelle hat verkündet, dass heute bei euch Feenhaare gesammelt werden und Wollgras gepflückt wird. Ich möchte euch helfen und auch dabei sein. Denn ich brauche dringend einen Poncho für den Winter, wenn es Eis auf unserem Teich gib!“
 


 

Ritziputz und Nieswurz nehmen auch an der großen Tafel Platz und lästern über den bitteren Tee, daraufhin reicht Lilith das Honigschälchen den beiden zu. Nieswurz grapscht ungeschickt danach und der Honig fließt über den Tisch. Lilith beherrscht sich, ohne zu murren. Sie nimmt ihr strohblondes Haar und wischt damit den Tisch ab. Dann erhebt sie sich, schreitet erhobenen Hauptes zum Teich und wäscht sich von Kopf bis Fuß mit Honig und Seifenkraut. Unterdessen löst sich auch die Frühstückstafel auf und jeder verrichtet seine Arbeit. Beflissen und flink sammeln die Feen die ersten Silberhaare ein und reichen diese an die beiden Zwerge weiter. Nieswurz klebt eifrig mit seinem Speichel die Fäden zusammen und die Feen wickeln und rollen die Haare zu Knäueln auf.
 


 

Mit dem Henkelkörbchen am Arm sammelt Lilith die Knäuel ein, freut sich über die große Menge und zählt diese. Dann verkündet sie: „Wenn wir nur noch ein bis zwei Knäuel mehr haben werden, würde jede Elfe und Fee ein Tuch gewebt bekommen. Rechnen wir noch das Wollgras dazu, wenn es gesponnen sein wird, dann gibt es außerdem auch noch weiße Mützen und Handschuhe.
 


 

Auch können wir unseren Zwergen neue, rote Zipfelmützen stricken. Das Spinnrad wird surren, die Stricknadeln klappern und das Webschiffchen hin und her flitzen. Julia wird die schönsten Farben mischen und rote Holunderbeeren pflücken. Leonie, du suchst nach grünen Nussschalen und Kastanien, dann brauchen wir noch ockerfarbenes Eichenlaub. Wer möchte Schlehenfrüchte ernten, wer hat die flinksten Finger, um nicht von den Dornen gestochen zu werden?“ Amelie murmelt in ihren Bart: „Hab keine Lust etwas zu arbeiten, ich möchte faulenzen, aber frieren will ich auch nicht! Wer hat sich bloß die Arbeit ausgedacht?“