Clarissa
 

 
Helga Margareta Gellinger
 


Der Wind spielt mit Clarissas langen, nassen Haaren, die fächerförmig im Halbkreis auf dem Deck ihres Bootes ausgebreitet sind und die wärmenden Strahlen der Sonne trocknen sie. Die Bucht, die sie aufsuchte, wäre ihr beinahe zum Verhängnis geworden, da plötzlich Riffe aus dem Meer ragten und sie den Piepston des Echolots nicht wahrnahm, weil sie sich durch das laute Dröhnen und Trommeln ihrer Musik auf einer CD zu sehr ablenken ließ.
Das Boot schaukelt sanft, durch das leise Plätschern der Wellen wird Clarissa in einen tiefen Schlaf versenkt. Ihre Tauchgeräte verstaute sie im Inneren des Bootes. Der Himmel färbt sich violett im schwindenden Licht und die Farbe spiegelt sich auf der Oberfläche des Meeres. Graues Zwielicht nimmt dem Grün auf der Insel alle Frische. Während der Himmel erglüht, sind Silhouetten einzelner Bäume zu erkennen. Clarissa wird aus ihrem Tiefschlaf gerissen, als ein Motorboot unweit von ihrem geankerten Boot einige Runden dreht. Erschrocken blickt sie um sich, ihre Augen schweifen umher und sie hat Mühe in die Gegenwart zurückzufinden. Auch läuft ihr kühler Schauder über den Rücken, sie greift nach ihrem Badeanzug. Gebannt starrt sie auf ihre Uhr, dann aber sucht sie das Ufer nach ihrem Freund ab.
Clarissa sorgt sich, da er immer pünktlich ist und er ihr keine Nachricht zukommen ließ. Sie überlegt, ob sie ihr Trägerkleid und ihre Tanzschuhe in einer Plastiktüte verstauen und damit ans Ufer schwimmen soll. Den Gedanken hat sie noch nicht zu Ende gedacht, als sie eine männliche Gestalt in einem Ruderboot um eine Biegung der Insel kommen sieht. In kräftigen Zügen steuert er auf ihr Boot zu und ruft auch schon ihren Namen.
„Ja, hier bin ich!“, ruft Clarissa zurück. Es trennen sie nur noch ein paar Meter und der Mann beginnt zu sprechen, er stellt sich mit dem Namen Pascal vor und sagt: „Joachim kommt etwas später zur Party, er musste aufs Festland, es ergab sich Unvorhergesehenes, ich soll Sie nun hier übernehmen!“ „Ja, in welcher Beziehung stehen sie zu Joachim?“, fragt Clarissa ungeniert. „Ich bin sein Freund, vielleicht sein ältester Freund!“, erwidert Pascal und reicht Clarissa seine Hand, um ihr in seinen Kahn zu helfen. Clarissa versichert sich, dass ihr Boot ordnungsgemäß verschlossen ist und ihre Habseligkeiten im Inneren verstaut sind.
Die Sonne versinkt in einem dunstigen Horizont und verwandelt die Wolken in goldene Streifen. Eine kreischende, nach Futter bettelnde Möwe begleitet die Beiden und lässt sich auf den Wellen schaukeln. Als sie die seichte Bucht erreichen, springt Pascal aus dem Boot und reicht abermals Clarissa seine Hand, sie sieht ihn an und ist gebannt von der Anziehungskraft seiner unglaublich blauen, stechenden Augen. Beide gehen nun schweigend eine kurze Strecke über Sanddünen und durch dichtes Buschwerk. Dann begeben sie auf einen steinigen Pfad und steigen zu einer hochgelegenen Terrasse empor. Ehe sie eine alte Einbuchtung erreichen, durchlaufen die Farben der Abendsonne das gesamte Spektrum von Gold - und Bronzetönen und danach von Rotschattierungen zu einem intensiven Blauviolett.
Nachdem sie die vorspringende Felswand umrundet haben, muss Pascal angesichts der unberührten Schönheit des vor ihm ausgebreiteten Panoramas stehen bleiben. Dann macht er am Rand des Abgrunds entlang einige Schritte – allzu sehr beschäftigt mit dem Anblick, der sich ihm bietet und macht eine ausladende Handbewegung zu Clarissa. Er sagt im Flüsterton: „Das große Meer spiegelt in seiner ganzen Fülle den zitternden Himmel mit all seiner Farbenpracht!“ „Es ist wunderschön und lädt zum Träumen ein!“, entgegnet Clarissa. Sie wendet sich zum Gehen, doch er ergreift ihre Hand, hält sie fest und beobachtet, wie die letzten Strahlen des Sonnenuntergangs sich in ihren Augen spiegeln. Sein Begehren ist ganz auf sie gerichtet. Die Kraft seiner Ausstrahlung - die ganz unbewusst ist und daher um so mächtiger wirkt – überrascht sie und bricht die Abwehrwälle, die sie sorgsam aufgeschüttet hat, um Schmerz zu vermeiden. Sie ist offen, verwundbar, fast wider ihren Willen zu ihm hingezogen. Pascal berührt eine Facette ihres Herzens, die ihr selbst noch fremd ist. Erst jetzt wird Clarissa bewusst, dass nur wenige Worte über ihre Lippen kamen.
Sie stammelt: „Wohin ging Joachim, hat er ihnen gesagt, was so dringend sei?“ „Sein Auftrag an mich war: bringe Clarissa an Land und amüsiere dich mit ihr, ich werde mich beeilen! Also werden wir losziehen und uns auf die Tanzfläche stürzen. Möchten Sie sich erst mit einem köstlichen Drink erfrischen, oder darf ich Sie zu einem opulenten Abendessen einladen?“, überhäuft nun Pascal Clarissa mit Fragen. „Gerne würde ich mich erfrischen, ich setzte mich wahrscheinlich zu sehr den Sonnenstrahlen aus, nachdem ich aus der tiefen Unterwasserwelt wieder ans Tageslicht emporkam.“ Ringsum werden Fackeln entzündet, aus einer lodernden Feuerstelle züngeln Flammen empor. Auf den glimmenden Kohlen liegen Fische in Folie gepackt, angenehme Gerüche verbreitend.
 

 

 

  

 

  

 

Bezaubernde Melodien mischen sich unaufdringlich unter die Menschen, die sich vergnügen. Barfüssig und eng umschlungen tanzen junge Pärchen auf einer Freibühne. Während sich Paare zusammentun, Figuren tanzen, die kompliziert scheinen, jedoch nichts anderes als Variationen einer bestimmten Schrittfolge sind, dazu spielt ein alter, weißhaariger Inselbewohner auf seiner Flöte. Es herrscht ein besonderes Flair auf dieser Liebesinsel. Hand in Hand gehen nun die Beiden, da das Licht diffus und der Weg uneben ist, zu einer Bar, deren Baldachin aus Stroh besteht, ebenso die Sitze der Stühle.
Clarissa fragt nun Pascal: „Warum habe ich sie nicht früher kennen gelernt? Welches Geheimnis umweht sie denn, das Joachim mir vorenthält?“ und sucht dabei den Himmel nach ihrem Zeichen, ihrem Sternbild ab. Die Wolken lagern nun vor dem Horizont. Über ihnen stehen die Sterne so dicht, dass es scheint, als ob irgendein unsäglich strahlendes Licht durch die gesprungene und löchrige schwarze Barriere der Nacht herunterstrahlt. Ohne die Antwort abzuwarten sagt Clarissa: „Sehen sie das Feuer am Himmel? Herdfeuer der Geisterwelt!“
Ihre Augen tasten den Himmel ab, bis sie jenes Bild finden, das sie suchten. Das Mondlicht bewirkt, dass es einen gleichmäßigen Schimmer verteilt. „Ich arbeitete viele Jahre im Ausland, aber jetzt werden wir es uns mal gemütlich machen. Gefällt Ihnen der Ort hier?“ und reiht zwei Stühle aneinander, „Bitte setzen Sie sich doch!“, fordert Pascal Clarissa mit einer einladenden Geste auf. „Danke, vielen Dank, es ist ein wunderbares Stück Erde hier, ich liebe die zerklüfteten Berge und die wildromantische Kulisse!“ Pascal ruft den Ober zu sich und bestellt zwei Gläser Aperitif mit den Worten: „Ich hoffe, ich treffe ihren Geschmack?“ Trommeln werden geschlagen und den Rhythmus bestimmt eine Panflöte, die mit immer derselben Tonfolge ertönt.
 


 

Pascal schlägt den Takt erst auf seine Knie, dann wechselt er zum vor ihm stehenden Tisch über. „Das ist meine Melodie, mein Lied, wollen wir tanzen Clarissa?“ und er zieht sie schon vom Stuhl hoch. Sie wirbeln beschwingt auf die Tanzfläche zu, dem Takt folgend, ihre Körper schwingen aufeinander zu, drehen wieder in entgegen gesetzte Richtungen und treffen sich wieder. Clarissa streift ihre Schuhe ab und wirft sie von der Tanzfläche. Immer wilder wirbeln sie, mit dem Takt im Einklang, über die Tanzbühne. Wie berauscht greift Pascal nach Clarissas Händen und nimmt sie plötzlich in seine Arme, hält sie eng und fest umschlungen. Sie wiegen sich nur noch im Takt der Musik, ihre Füße sind wie angewurzelt, bleiern schwer. Es war um Beide geschehen, was nicht hätte passieren dürfen.